Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. 75 schwingen vermocht und bei Licht betrachtet, ist es eigentlich diese ihre Unklarheit, an der sie notwendig zugrunde gehen mußte. Nicht als ob die unsterblichen Meister der klassischen Mechanik jemals eine Kollektivbewegung so behandelt hätten, als ob sie die Resultante einer Menge von Singulärbewegungen diskreter ma- terieller Punkte sein könnte: aber es widerstrebte ihrer einseitig mathematisierenden Denkweise, die Unzurückführbarkeit der bei- den Bewegungsarten aufeinander auszusprechen, weil sie hierdurch gleichsam einen qualitativen Unterschied zwischen der Kol- lektiv- und Singulärbewegung hätten machen müssen. Da sie von der elementaren und in ihrer Art großartigen Leidenschaft beseelt waren, die Bewegung vollkommen zu quantifizieren und die Mechanik so weit wie möglich in pure, abstrakte Mathematik aufzulösen, so quälten und drückten sie sich fortwährend um das Kollektivitätsprinzip herum, ja, sie fanden Mittel, den prinzipiellen Unterschied zwischen den zwei Bewegungsarten direkt zu ver- schleiern. Die klassische und sachlich unbeanstandbare Theorie des Massenmittelpunktes bzw. Schwerpunktes erweckte nämlich den schönen ästhetischen Schein, als ob die im Schwerpunkt zen- tralisiert gedachte Kollektivbewegung eines Körpers wirklich nichts weiter wäre als die Bewegung eines einzigen Massenmittel- punktes, und solchermaßen zwischen der Gesamtbewegung eines ganzen Körpers und der Singulärbewegung eines einzigen aus- gezeichneten Massenpunktes tatsächlich kein Unterschied bestände. Offenbar läge aber in dieser Auffassung ein ähnlicher Irrtum, wie in dem berühmten Worte Ludwigs XIV.: L'état c'est moi. Auch ein sich überhebender Massenmittelpunkt könnte von sich be- haupten: die ganze Masse bin ich. Dann wären freilich Kollektiv- und Singulärbewegung identisch. Da die klassische Mechanik sich zur Erkenntnis des Kollekti- vitätsprinzips nicht durchrang, so konnte sie auch die wichtigste Konsequenz desselben nicht ziehen. Wenn nämlich noch so viele Singulärbewegungen einzelner Massenpunkte als Resultante keine Kollektivbewegung haben können, so kann die aus diskreten Punkten bestehende Materie überhaupt keine Kollektivbewegung hervorbringen. Zur Erzeugung einer solchen ist also unbedingt ein anderes, von der Materie grundverschiedenes Substrat er- forderlich, das nicht aus diskreten Punkten besteht, sondern kon- tinuierlich den Weltraum erfüllt: und dies ist der Äther. Die klare Unterscheidung von Singulär- und Kollektivbewegung führt mit Denknotwendigkeit zur Annahme eines Äthers. Gäbe es nur eine aus diskreten Punkten bestehende Sub- stanz, also bloß eine (atomisierte) Materie, dann würden bloß Singulärbewegungen möglich sein, und irgendeine sie zusammen- fassende Kollektivbewegung könnte niemals erstehen. Sollen