74 Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. ersetzen; oder es ist auch umgekehrt die Resultante durch die Gesamtheit ihrer Komponenten ersetzbar. Niemals kann es aber geschehen, daß eine Kollektivbewegung die ihr untergeordneten Singulärbewegungen oder die letzteren die erstere substituieren könnten¹). Die Wahrheit dieses fundamentalen Satzes kommt am schärfsten in dem Gebrauche bewegter Koordinatensysteme zum Ausdruck. Durch ein bewegtes Achsenkreuz macht man näm- lich die Kollektivbewegung eines Systems in geometrischer Weise anschaulich: man zeigt sie gleichsam abgetrennt von den ihr unter- geordneten Singulärbewegungen auf, wobei es mit durchsichtiger Klarheit hervortritt, daß beiderlei Bewegungsarten zu gleicher Zeit, jede für sich, bestehen und demzufolge nicht berufen sein können, einander zu ersetzen, d. h. einander überflüssig zu machen. Eigentümlicherweise hat sich die ,,Klassische Mechanik" nie- mals zur deutlichen Erkenntnis des Kollektivitätsprinzips aufzu- 1) Hier wird es uns möglich, den inneren Widerspruch der Ein- steinschen Zeittheorie in endgültiger Weise aufzudecken. Wie die tradi- tionelle Mechanik, so mischt auch die Einstein sche Kinematik die Begriffe der Singulär- und Kollektivbewegung durcheinander und gelangt dadurch zu einer Vernichtung des Zeitbegriffes. Einstein merkt nicht, daß, wenn auch eine jede Singulärbewegung scheinbar ihre eigene Sonderzeit hat, doch die Gesamtheit der Singulärbewegnngen, die zu derselben Kollektivbewegung gehören, unter der Herrschaft einer und derselben Generalzeit steht. Generalzeit aber nenne ich jene Zeit, die dem bewegten System, als Ganzes betrachtet, vermöge seiner Kollektivbewegung zukommt. Durch sein bekanntes Uhrengleichnis gelang es Einstein, den Unterschied zwischen Sonder- und Generalzeit zu verdecken: er bringt nämlich im bewegten Koordinatensystem viele Uhren an, welche den Sonderbewegungen innerhalb des Systems ent- sprechen, aber er bringt keine Generaluhr an, welche die Generalzeit der Kollektivbewegung des materiellen Systems bzw. des bewegten Achsenkreuzes darstellen könnte. Durch die Unterschlagung der Generaluhr gegenüber den Sonderuhren konnte der Schein erzeugt werden, daß der Begriff einer gemein- schaftlichen Zeit beseitigt sei. Auch zwei Systeme S und S', die aufeinander bezogen werden, haben im Augenblick t=0 eine gemeinschaftliche Zeit, so daf Einstein eine diese beiden Systeme beherrschende höhere Generaluhr hätte konstruieren müssen. Indem aber alle diese Uhren höherer Stufe unter- schlagen wurden, entstand der Schein, als ob es in unserer Welt keine Uni- versalzeit, sondern nur Sonderzeiten gäbe. Daß eine so offenliegende logische Verirrung wie die Einsteinsche, unbemerkt bleiben konnte, liefert ein höchst lehrreiches Beispiel dafür, welche Schwächungen das kritische Urteil innerhalb der eigentlichen Fachwissenschaft erleiden kann. Übrigens sei hier auf die sehr verdienstvolle kleine kritische Arbeit von Prof. Dr. E. Gehrcke hingewiesen, welche die Widersprüche der Einstein schen Theorie in den Haupt- punkten recht glücklich beleuchtet: „Die gegen die Relativitätstheorie erhobenen Einwände“ („Die Naturwissenschaften“, I. Jahrg. 3. Heft, S. 62-66, wiederab- gedruckt in: Kritik der Relativitätstheorie von E. Gehrcke, Verlag H. Meusser, Berlin, 1924). Auch möchte ich hier noch den Leser auf die interessante Schrift des Naturphilosophen Leo Gilbert aufmerksam machen: „Das Relativitäts- prinzip, die neueste Modenarrheit der Wissenschaft", weil sie die Widersprüche der Einstein schen Relativitätstheorie in geistreicher Weise persifliert und eben deshalb eine leicht verständliche Einführung in diese Theorie liefert. ―――