70 Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. die abstrakte Gesetzmäßigkeit einer Bewegung in Differential- gleichungen, die konkreten Elemente derselben hingegen in Inte- grationskonstanten darstellen. Tatsächlich hört der unbestimmt abstrakte Charakter der Differentialgleichungen sofort auf, wenn uns die kon- kreten Anfangselemente der Bewegung gegeben sind. Jene (drei- fach unendliche) Unbestimmtheit aber, die im Sinne des Relativi- tätsprinzips an jeder konkreten Bewegung haftet, kann niemals aufhören. Hierin kommt es zum schärfsten Ausdruck, daß die Spielerei mit der Galilei-Transformation nur eine Scheindemon- stration des Relativitätsprinzips der Mechanik enthält, mit diesem aber absolut nichts zu schaffen hat. Hoffentlich wird die Wissen- schaft den Ausdruck,,Galilei-Transformation" fallen lassen, und dann wird wohl auch von einem sogenannten,,Relativitätsprinzip der Mechanik" nicht mehr die Rede sein. Eigentlich glauben ja auch die Relativtheoretiker selbst nicht an die Geltung des ,,Relativitätsprinzips der Mechanik“. Sie de- monstrieren es zum Scheine, aber bloß, um es wieder umzustürzen und zu einem,,neuen“ Relativitätsprinzip der Elektrodynamik zu gelangen. Welchen Sinn hat es aber, ein falsches ,,altes" Rela- tivitätsprinzip (der Mechanik) dem Scheine nach zu deduzieren, um es dann hinterher doch für unhaltbar zu erklären und durch ein neues zu ersetzen? Obendrein bleibt dann auch dieses,neue“ Relativitätsprinzip mit einem Geburtsfehler behaftet, der sich erblich vom,,alten" Relativitätsprinzip auf dasselbe übertrug. Die dreifach unendliche Unsicherheit des berechtigten Koordinaten- systems - das den Hauptirrtum des alten Prinzips repräsentiert — bleibt nämlich auch im neuen Relativitätsprinzip (in der Deu- tung der Lorentzschen Transformation) bestehen, so daß auch dieses als eine logische Erscheinung zu betrachten ist. Trotzdem dürfen wir uns nicht davor verschließen, daß die alltägliche Erfahrung immer wieder den verführenden Schein er- weckt, als ob ein,, Relativitätsprinzip der Mechanik“ in dem obigen Sinne tatsächlich in Geltung stände. Wir wollen uns nunmehr diesem überaus suggestiven empirischen Schein zuwenden, denn er spielt eine entscheidende Rolle in der Begriffsverwirrung, welche das angebliche Relativitätsprinzip der Mechanik verur- sachte. 5. Derartige Erfahrungen, wie daß auf einem bewegten Schiffe, welches weder rollt noch stampft, sondern sachte auf den Fluten gleitet, alle mechanischen Vorgänge sich ebenso abspielen, als ob das Schiff ruhen würde, haben die Idee wachgerufen, daß die Natur von einem mystischen Relativitätsprinzip beherrscht sei, wonach ein gleichförmiges Gleiten dieselbe Bedeutung hätte wie die Ruhe.