Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. 69 nichts anderes zum Ausdruck bringt, als daß die Differential- gleichungen einen abstrakten Charakter haben, und daß sie es erlauben, der unbestimmten Integrationskonstante jeden nur möglichen Wert beizulegen. Ist aber etwa dies der Inhalt des Relativitätsprinzips der Mechanik? Gewiß nicht. Also kann die Unveränderlichkeit der Differentialgleichungen gegenüber der Galilei-Transformation keine Demonstration des Relativitäts- prinzips sein. - Das Relativitätsprinzip der Mechanik will nämlich ein Natur- gesetz sein und wenigstens die Möglichkeit einer allgemeinen Tat- sache zum Ausdruck bringen. Jede konkrete Bewegung, die wir wahrnehmen, kann im Sinne dieses Prinzips mit einer uns not- wendig geheim bleibenden gleichförmigen Translation verbun- den sein. Denn die ganze Weltmaterie kann eine gleichförmige Translation im dreidimensionalen Raume erfahren, und da diese Translation auf dreifach unendliche Weise verlaufen kann, so haftet an jeder konkreten Bewegung, die wir wahrnehmen, die dreifach unendliche Unbestimmtheit irgendeiner geheimen gleich- förmigen Translation. Eben deshalb gibt es in der Mechanik nicht bloß ein berechtigtes Bezugssystem, sondern ∞ gleichförmig- geradlinig bewegte Bezugssysteme haben eine völlig gleiche Be- rechtigung. Dies ist der Inhalt des Relativitätsprinzips der Me- chanik, Die Unveränderlichkeit der Newtonschen Bewegungs- gleichungen der Galilei-Transformation gegenüber enthält aber gar kein Naturgesetz, sondern ist bloß der Ausdruck eines logisch-methodischen Verfahrens, das wir bei dem Aufbau unserer Differentialgleichungen befolgen. Da wir nämlich nicht wissen können, mit welcher Anfangsgeschwindigkeit eine Bewe- gung irgendwo in der Welt einsetzt (z. B. mit welcher Anfangs- geschwindigkeit C。 irgendwo ein Stein geworfen wird), so sind wir gezwungen, die konkrete Anfangslage und die konkrete Anfangs- geschwindigkeit einer Bewegung von ihrer abstrakten Gesetz- mäßigkeit abzutrennen, diese letztere in Differentialgleichungen darzustellen, die ersteren aber in unbestimmten Integrations- konstanten zu verkörpern. Aus diesem logischen Verfahren ergibt sich mit Notwendigkeit, daß die Differentialgleichungen dieselben bleiben müssen, welchen Wert wir auch der Integrationskonstante Co beilegen mögen. Diese so wohlbekannte Eigenschaft unserer Differentialgleichungen braucht uns nicht erst durch eine,, Galilei- Transformation" vordemonstriert zu werden. Die ganze Spielerei mit dieser Transformation ist eine Tautologie, und zwar eine um so gefährlichere, weil sie den Schein erweckt, als ob sie eine De- monstration des Relativitätsprinzips enthielte, wo sie doch nur das logisch-methodische Prinzip zum Ausdruck bringt, daß wir