Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. 59 Darstellung bringen können. Denkt man sich nämlich ein drei- faches (cartesianisches) Achsenkreuz mit einem bewegten mate- riellen System S fest verbunden, so bringt die Bewegung des Achsenkreuzes die Kollektivbewegung des Systems S zur klaren Anschauung. Innerhalb dieses Systems befinden sich die mate- riellen Punkte P1, P2, ... usw., die alle ihre eigene Sonderbewegung (oder wie wir auch sagen können: Singulärbewegung) haben, welche jedoch vom Achsenkreuz nicht mitgemacht wird. Durch ein bewegtes Koordinatensystem wird demnach der Unterschied zwi- schen der Kollektivbewegung eines Systems S und zwischen den mannigfachen Singulärbewegungen, die es in sich faßt, zur schärfsten Darstellung gebracht. Bewegte Achsenkreuze legen demzufolge das Grundproblem der Relativitätstheorie in einer unmittelbaren und doch zugleich in allgemeinster Weise nahe, denn sie geben uns direkt die Frage auf: Welche Zusammenhänge oder welche Abhängigkeitsverhältnisse bestehen zwischen den Son- derbewegungen innerhalb eines materiellen Systems. und den Kollektivbewegungen desselben (oder den Be- wegungen des Achsenkreuzes)? Es ist von höchster Wichtigkeit, diese Fragestellung scharf ins Auge zu fassen, weil es sonst un- möglich ist, die,,Relativitätstheorie" überhaupt zu begreifen. Ganz besonders wird die Einsteinsche Relativitätstheorie un- verständlich, wenn man nicht ihre Grundtendenz erkennt, die inneren Sonderbewegungen eines Systems und die Kollektiv- bewegungen desselben soweit wie nur möglich — als voneinan- der unabhängig hinzustellen. Das freilich behauptet Einstein durchaus nicht, daß alle Arten von Kollektivbewegungen ohne Einfluß sind auf die inneren Sonderbewegungen eines materiellen Systems, denn wir wissen ja, daß die Drehung eines Systems um seine Achse in höchst merklicher Weise innerhalb der Einzelvor- gänge des Systems zum Vorschein kommt. So z. B. liefert der berühmte Foucaultsche Pendelversuch einen augenscheinlichen Beweis für die Achsenrotation der Erde, und man hat in demselben eine klassische Demonstration der Abhängigkeit eines Einzel- vorganges innerhalb eines materiellen Systems von einer Kollektiv- bewegung eben dieses Systems. Übrigens bietet die alltägliche und insbesondere die meteorologische Erfahrung, z. B. in dem Wehen der Passatwinde von Osten, in der Drehung der Zyklonen nach derselben Richtung usw., eine Menge von Zeugnissen für die Achsendrehung der Erde, die zugleich Zeugnisse sind für die Ab- hängigkeitsverhältnisse, in welchen Einzelvorgänge innerhalb des Systems von der Kollektivbewegung desselben stehen. Man sollte nun konsequenterweise erwarten, daß man unter der Rela- tivitätstheorie eben die Erforschung solcher Zusammenhänge zwi- schen Sondervorgängen und Kollektivbewegungen materieller ―――