Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. 57 luten") Totalbewegung könnten wir auch zu keinem Begriffe der Partial- oder Relativbewegung gelangen. Mit anderen Worten: die Relativbewegung hat diesen relativen Charakter nur deshalb, weil man sie in Beziehung setzt zu einer absoluten Bewegung; so etwa, wie ein Summand nur dann einen Sinn hat, wenn man ihn auf eine Summe bezieht. Man muß also auch den Begriff der Re- lativbewegung aufgeben, wenn man die absolute Bewegung auf- gibt. (Sogar ein Mathematiker vom Range Henri Poincarés hielt den Begriff der absoluten Bewegung für unzulässig, denn er schien ihm mit seiner relativistischen Weltbetrachtung unver- träglich zu sein. Dies ist aber ein ähnlicher Irrtum, wie wenn je- mand glauben würde, daß die Begriffe Summand und Summe von der spezifischen philosophischen Weltanschauung, der er huldigt, abhängig seien. In seinem interessanten Vortrag,,Die neue Me- chanik" sprach Poincaré dem Begriff der absoluten Bewegung jedweden Sinn ab, ohne zu merken, daß er dadurch auch die rela- tive Bewegung um ihren Sinn brachte.) Eine prinzipielle Schwierigkeit würde sich für den Begriff der (,,absoluten") Totalbewegung nur dann ergeben, wenn die Anzahl der Kollektivbewegungen K1, K2, K,..., an denen die Erde teilhat, eine unendliche wäre, denn man müßte dann eine Resultante aus unendlich vielen Komponenten herstellen, um die Totalbewegung eines Körpers, z. B. einer auf der Erde rollenden Kugel, zu erhalten. Es ist aber leicht einzusehen, daß die Anzahl der Kollektivbewegungen, an denen die Erde oder ein beliebiger Körper teilhat, keine unendliche sein kann. Denn angenommen, die Reihe K,, K2, Kg.... hätte kein Ende, so würde die Resul- tante aller dieser Komponenten, von denen jede eine endliche Ge- schwindigkeit im Zeitpunkte t hat, eine Resultante von unend- licher Geschwindigkeit ergeben. Eine unendliche Geschwindig- keit bedeutet aber die Aufhebung des Bewegungsbegriffes, weil ein unendlich schnell bewegter Körper gleichzeitig an verschie- denen Orten zugegen sein könnte. Übrigens können wir die absolute Bewegung im Newton- schen Sinne völlig entbehren, da wir sie durch die symbolische Bewegung der Gesamtmaterie längs der Zeitachse ersetzen. Die Relativtheoretiker hängen aber im geheimen an der absoluten Be- wegung Newtons und befürchteten daher, daß die Gesamt- materie der Welt eine absolute gleichförmige Translation im (drei- dimensionalen) Raume haben könnte, deren Stattfinden oder Nichtstattfinden ein ewiges Rätsel bleiben müßte. Daraus entspringt für sie eine höchst charakteristische Unsicherheit in der Wahl eines passenden Koordinatensystems für die all- gemeine Bewegungslehre, die wir nunmehr näher beleuchten wollen.