54 Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. ist auch tatsächlich zur herrschenden Grundansicht des mecha- nischen Denkens geworden. Es fragt sich nunmehr, was einen Newton drängen mochte, an die Realität der gleichförmigen Translation zu glauben oder die Möglichkeit dieser Realität wenigstens in Schwebe zu erhalten? Dies führt uns zur Betrachtung seiner Begriffe vom absoluten Ort und der absoluten Bewegung, die auch heute noch einen sehr tiefgreifenden Einfluß auf das physikalische Denken üben. Was den sogenannten „,absoluten Ort" betrifft, an dem sich ein materieller Punkt in einem gegebenen Augenblicke befindet, so wäre es zweckmäßig, ihn lieber als ,,identischen Ort" zu be- zeichnen. Denn befindet sich z. B. der materielle Punkt P in diesem Augenblicke an dem geometrischen Ort p, so haben wir das gute Recht, in unserem Denken, so oft es eben nötig ist, auf diesen identischen Ort p zurückzukommen, obwohl wir sehr gut wissen, daß praktisch ein solches Zurückkommen schon des- halb unmöglich ist, weil der Punkt P sich mit der bewegten Erde mitbewegt. Wir müssen uns mit der bloß theoretischen Iden- tifikation des Raumpunktes p begnügen, aber diese theore- tische Identifikation darf uns nicht genommen werden, denn dies hieße, daß es uns verboten wird, an denselben Punkt p des Raumes zu denken, an den wir vorhin dachten. Das Denken darf man aber in der Wissenschaft nicht verbieten. Theoretisch steht es also immer frei, einen Ort p des Raumes mit sich selbst zu identi- fizieren, und gefällt es jemandem, solche bloß theoretisch identi- fizierten Punkte des Raumes als absolute Punkte zu bezeichnen, so läßt sich hiergegen nichts einwenden. Praktisch freilich läßt sich ein solcher absoluter Raumpunkt p im nächsten Augenblick nicht mehr identifizieren, wie dies nicht weiter erklärt zu werden braucht. Da es nun durchaus nicht verwehrt werden kann, die Punkte p und P₁ des Raumes theoretisch zu identifizieren, so kann auch nicht verboten werden, an eine Bewegung zwischen den beiden zu denken, und diese als eine absolute Bewegung zu bezeichnen, obwohl wir wissen, daß praktisch eine solche absolute Bewegung niemals wahrnehmbar sein kann, weil es unmöglich ist, die absoluten Punkte, die durchlaufen werden, praktisch zu mar- kieren. Was mit diesem praktischen Markieren gemeint ist, ergibt sich aus dem folgenden Beispiel. Der Weg, den eine rollende Kugel auf einem segelnden Schiffe durchläuft, kann zwar praktisch markiert werden, dadurch ist aber die absolute Bahn der rollenden Kugel im Raume noch nicht markiert, weil das Schiff während des Rollens der Kugel fortwährend seinen Ort wechselt. Ähnlich verhält es sich aber mit einer auf der festen Erde rollenden Kugel, weil auch die Erde wie ein im Weltraum segelndes Schiff auf- zufassen ist.