Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. 51 rende Translation üben könnte, gar nicht die Rede sein. De strygis quae non sunt nulla mentio fiat. Aber wenn man auch von unserem Standpunkte absieht, leuchtet es doch auf den ersten Blick ein, daß, wenn gleichförmige Translationen auf ein materielles System ohne jeden Einfluß sind, sie doch füglich als nicht existie- rend betrachtet werden dürfen. Wozu gibt es denn gleichförmige Translationen - so könnte man fragen wenn ihr Vorhanden- sein für ein materielles System ebenso belanglos ist wie ihr Nicht- vorhandensein? ―――― Zweifellos steht man hier dem seltsamsten Prinzip gegen- über, das der menschliche Verstand jemals formuliert hat. Zum Überfluß läßt es zwei gegensätzliche Deutungen zu und kann in einem rein subjektiven wie auch in einem rein objektiven Sinne genommen werden: Viele Physiker drücken das Prinzip in der folgenden subjektivistischen Form aus: Ein Beobachter, der auf einem materiellen System - z. B. auf der Erde wohnt, kann durch die Beobachtung der mechanischen Vorgänge innerhalb des Systems niemals feststellen, ob sich das System, als Ganzes betrachtet, nicht in einer gleichförmigen Translation befindet. In dieser subjektiven¹) Form ausgesprochen, wäre das Relativitäts- prinzip der Mechanik nur ein Ausdruck für irgendeine Schranke unserer Wahrnehmungs-, Beobachtungs-, ja auch unserer Denk- fähigkeit, die speziell den gleichförmigen Translationen gegenüber zum Vorschein kommt. Dann wäre aber das Relativitätsprinzip der Mechanik eher ein biologisches und erkenntniskritisches als ein mechanisches Prinzip, und man müßte fragen, warum die menschlichen Fähigkeiten gerade der gleichförmigen Translation gegenüber versagen? Wir freilich, die an die reale Existenz von,,Trägheitsbewegungen" nicht glauben, meinen, daß wir sie deshalb nicht beobachten oder durch Schlüsse feststellen können, weil sie nicht existieren: aber eine solche simple Denkweise wird wohl nicht leicht gebilligt werden. - Übrigens wird das Relativi- tätsprinzip der Mechanik gewöhnlich in objektiver Form ausge- sprochen, und da hat es den Anschein, als ob die Natur selbst un- schlüssig wäre, ob sie irgendeinem materiellen System diese oder jene gleichförmige Geschwindigkeit oder auch die absolute Ruhe zuerkennen solle, denn jeder dieser Zustände würde für irgendein materielles System gleich gut passen, d. h. wäre für die inneren mechanischen Vorgänge des Systems völlig irrelevant und deshalb mit denselben gleich gut verträglich. Das wäre offenbar eine indeterministische Auffassung der Natur. (Wahrschein- -- ¹) In subjektivistischer Weise formuliert das Relativitätsprinzip Max Planck in dem sehr lichtvollen Schlußvortrag seiner „Acht Vorlesungen über Theoretische Physik“, Leipzig 1910. 4*