48 Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. Zeitdauer; selbstverständlich muß aber zugegeben werden, daß Bewegungen von unendlich kleiner Zeitdauer als gleichförmig- geradlinig gelten dürfen¹). Da eine Theorie ungleichförmiger Bewegungen nur unter der Bedingung ausführbar ist, daß man denselben in jedem Zeit- element eine gleichförmig-geradlinige Bewegung unterschiebt, so ist es sehr wohl begreiflich, daß die Begründer der klassischen Mechanik durch die fortwährende Gewohnheit dieses Unterschie- bens dahin gelangten, die gleichförmig-geradlinige Bewegung wie etwas Reales aufzufassen, oder wenigstens keinen scharfen Unter- schied zwischen der Idealität (Gedachtheit) derselben und der realen Existenz ungleichförmiger Bewegungen zu machen. Da- durch gewann die gleichförmig-geradlinige Bewegung einen ge- spenstisch zweideutigen Charakter, der zwischen bloßer Gedacht- heit und empirischer Realität fortwährend hin und her schwankte und einen höchst nachteiligen Einfluß auf die Ausbildung der herkömmlichen Mechanik wie auch der modernen Relativitäts- theorie übte. Diese letztere geht nämlich direkt von der Betrach- tung gleichförmig-geradliniger Bewegungen materieller Systeme aus, ohne zu merken, daß sie real unmöglichen Vorgängen Realität zuschreibt und dadurch aus einem Widerspruch in den anderen gerät. Demgegenüber sei mir gestattet, daran zu erinnern, daß ein Lagrange so große Scheu vor den gleichförmig-geradlinigen Bewegungen hegte, daß er sie aus der Definition der Dynamik förmlich zu verbannen suchte. ,,Die Dynamik erklärt er ist die Wissenschaft von den beschleunigenden oder verzögernden Kräften und von den Veränderungen, welche diese Kräfte in den Bewegungszuständen von Körpern hervorrufen." Diese Definition lenkt den Blick so eindringlich auf die Kräfte und die durch sie hervorgerufenen Beschleunigungen hin, daß sie die ungleichförmi- gen Bewegungen der Materie zum alleinigen Gegenstande der eigent- lichen Dynamik macht. Nur in dem Ausdruck,,in den Bewegungs- zuständen von Körpern" steckt noch eine kaum vernehmbare Anspielung auf die fatalen gleichförmig-geradlinigen Bewegungen. Man kann aber dieselben durch ein bloßes Totschweigen nicht un- schädlich machen, und es erscheint zweckmäßiger, sie im Eingang zur Mechanik offen zur Sprache zu bringen, wie es auch die Re- - ¹) Diese gleichförmigen Translationen von unendlich kleiner Dauer er- wecken den Schein, als ob ein ungleichförmig bewegter Punkt in jedem Zeitelement einem anderen Zeitparameter huldigen würde; als ob es demnach in unserer Welt beliebig viele verschiedene Zeitparameter geben könnte. Die Relativitätstheorie ließ sich durch diesen Schein täuschen. Es gibt aber nur einen konstanten Zeitparameter, der auch allen ungleichförmigen Bewe- gungen unserer Welt zur Norm dient.