42 Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. Schon in meiner Abhandlung vom Jahre 1901 legte ich ein besonderes Gewicht darauf, den Raum, der unserer unzulänglichen menschlichen Anschauungskraft wie ein ,,stehender Raum" er- scheint, als eine stetige Reihe von zeitlich aufeinanderfolgenden Räumen Ro, R1, R₂ usw. darzustellen. Bei dieser Auffassung wird der Zeitstrom gleichsam zu einem fließenden Bande, das die auf- einanderfolgenden Räume synthetisch miteinander verknüpft. In metaphorischer Ausdrucksweise darf man auch sagen, daß die Räume Ro, R1, R₂ usw. gleichsam momentane Querschnitte des Zeitstromes repräsentieren. Dementsprechend darf man diese Räume auch als Querräume oder Transversalräume bezeichnen. Die Zeit aber erscheint wie ein Strom, der durch alle diese Quer- räume in senkrechter Richtung hindurchfließt und dabei die ganze materielle Welt mit sich nimmt, so daß diese in jedem Querraum eine neue Konfiguration zeigt. In die Sprache der Analysis über- setzt wird aus diesem großartigen symbolischen Bilde die ganz trockene Erklärung, daß wir den drei Achsen des gebräuchlichen (rechtwinkligen) Koordinatensystems eine symbolische vierte Achse, die Zeitachse, so angliedern, daß sie auf den drei Raum- achsen senkrecht steht. Die Zeit wird zu einer symbolischen (imagi- nären) vierten Dimension des Raumes, oder richtiger: man denkt sich die Zeit in dieser vierten Dimension fließend. In dieser letzteren Auffassung, die ich schon 1901 entwickelt hatte, stimme ich mit Minkowski völlig überein. Was uns trennt, ist zunächst der Umstand, daß er es nicht für nötig hält, den Be- griff der zeitlichen Reihe von Querräumen Ro, R1, R₂ usw. aus- zubilden, wodurch ihm auch der Begriff der momentanen mate- riellen Weltkonfigurationen wo, W₁, w₂ usw. entgeht. Er unterläßt es, sich eine Weltbühne für eine Weltmechanik zu zimmern, d. h. er zeichnet sich keinen solchen einfachen Grundriß aus Quer- räumen und aus einem sie durchkreuzenden Längsraum oder Longi- tudinalraum¹), in welchem der Zeitstrom fließt, wie ich dies oben andeutete, denn es ist leider nicht die Mechanik, sondern die Elektrodynamik, die ihn in erster Reihe interessiert. Minkowski stürmt zu einem allgemeinen vierdimensionalen Raum fort, weil er wie er dies wiederholt betont Raum und Zeit,,zu Schatten herabsinken" lassen und nur noch eine mystische,,Welt an sich“ zurückbehalten möchte. Dieser mystische Hang verlockte den kühnen Pfadsucher in das Netz eines Widerspruches, den ich nun- mehr in mathematischer Formulierung aufdecken will. - www ¹) Was mit dem „Longitudinalraum" gemeint ist, kann in diesem Stadium der Untersuchung noch nicht präzisiert werden; er ist kein dreidimensionaler Raum, sondern ein geometrisches Gebilde, das aus ∞ geraden Linien be- steht, die unserer Zeitachse parallel laufen.