Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. 39 stets die gleiche bleibt, aber ein fixer Winkel AO B im Zeitstrome nicht zu einem anderen Winkel wird usw. usw. Statt zu sagen, daß beliebige räumliche Gebilde sich im Zeitstrome unverändert erhalten, sagt man kürzer, daß der Raum sich im Zeitstrome unverändert erhält. Dieses Axiom der Raumerhaltung liegt allen unseren Raum- anschauungen zugrunde, auch wenn wir uns von demselben keine Rechenschaft ablegen. Ganz unwillkürlich nehmen wir an, daß z. B. die Raumstrecke ab im Verlaufe der Zeit sich gleichbleibt, denn würden wir dies nicht annehmen, so käme es niemals zu einem Messen, ja auch zu keinem Schätzen von Entfernungen, und wir wären überhaupt unfähig, die Vorstellung von bestimmten (sich selbst gleichbleibenden) Figuren zu gewinnen, was zur Folge hätte, daß unser Raumbegriff sich auflösen müßte, oder richtiger gar nicht zustande kommen könnte. Wenn wir uns also über den eigentlichen Inhalt unseres Raumbegriffes Rechenschaft ablegen wollen, so sind wir logisch genötigt, ihn auf den Zeitstrom bezogen oder richtiger in den Zeitstrom eingeschaltet zu denken, weil uns sonst der Grundcharakter des Raumes, seine Erhaltung im Zeit- strome, nicht zum Bewußtsein kommen könnte. Qu. e. d. Die Einfügung des Raumes in den Zeitstrom bildet das Fun- dament jener Einheitslehre, die ich in meiner Abhandlung über Raum und Zeit auseinandergesetzt habe. Im Sinne dieser Theorie kann man metaphorisch sagen, daß der Raum mit dem Zeit- strom mitfließe. Wem aber diese Metapher nicht zusagt, kann den bildlichen Ausdruck gebrauchen, daß der Raum sich im Ver- laufe der Zeit ohne Unterlaß erneut, freilich in solcher Weise, daß er immer kongruent mit sich selbst bleibt. Falls aber jemandem solche bildliche Ausdrücke überhaupt nicht genehm sind, der bleibe einfach bei dem Raumerhaltungsaxiome stehen. Allerdings muß er dann den Sinn dieses Axioms mit möglichster Strenge zu fassen suchen. Zu diesem Zwecke wird er gezwungen sein, den aufeinanderfolgenden Zeitpunkten to, t₁, tą, tą... die aufeinander- folgenden Räume Ro, R1, R2, R3... zuzuordnen. Denn nur dann vermag er den Inhalt des Erhaltungsaxioms präzis zu formulieren, und zwar in folgender Weise: Nimmt man im Raume R。 ein be- liebiges Raumgebilde G。 an, so entsprechen ihm in den folgenden Räumen die Gebilde G1, G2, G3..., die sämtlich miteinander kon- gruent sind: Go G₁ = G₂ =G3 usw. = Statt von beliebigen Raumgebilden zu sprechen, kann man der Kürze halber sagen: alle im Zeitstrome aufeinanderfolgenden Räume seien miteinander kongruent: Ro R₁ =R2R3 usw. Diese Räume fallen für unser Anschauungsvermögen not- wendig in einen und denselben stehenden Raum R zusammen,