Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. 35 und die mir aus einer Verbindung von erkenntnistheoretischen und geometrischen Betrachtungen erwachsen ist." Ich hegte näm- lich schon damals die Überzeugung, daß man niemals werde zu einer einheitlichen Theorie alles physikalischen Geschehens durch- dringen können, wenn es nicht gelingt, die alte konventionelle Auffassung von der Zusammenhanglosigkeit der räumlichen und zeitlichen Ordnung zu überwinden. Die neue Lehre von Zeit und Raum sollte mir also bloß als Mittel dienen, um später den eigent- lichen Zweck: die Begründung einer Einheitslehre der ätherischen und materiellen Vorgänge in der Physik, verwirklichen zu können. Ich drückte dies in meiner genannten Schrift so aus, daß ich die Theorie von Zeit und Raum als „,allgemeine Erscheinungs- lehre" und als das eigentliche Fundament nicht nur der Physik im engeren Sinne, sondern aller Naturwissenschaften überhaupt hinstellte. Wie sehr war ich nun überrascht, als mir (leider nur allzu spät!) der mit Recht berühmt gewordene Vortrag Minkowskis über Raum und Zeit in die Hände kam, und ich gleich in den ersten Zeilen den Ausruf des genialen Mathematikers las:,,Von Stund an sollen Raum für sich und Zeit für sich völlig zu Schatten herabsinken und nur noch eine Art Union der beiden soll Selbständigkeit bewahren."... Unsere Tendenzen schienen mir so sehr übereinzustimmen, daß mir an- fangs ganz unheimlich zumute war, weil ich den lebhaften Ein- druck gewann, daß Minkowski meine sieben Jahre früher er- schienene Abhandlung über Raum und Zeit gekannt haben mußte. In dem Maße aber, als ich mich in seine Ausführungen hineinlas, kam mir die Wahrheit des alten Erfahrungssatzes zum Bewußt- sein: si duo faciunt idem, non est idem. Eigentlich enthielt schon der Ausdruck Minkowskis, daß Zeit und Raum „,völlig zu Schatten herabsinken" sollen, etwas Beunruhigendes für meine Denkweise, und meine Unruhe steigerte sich um so mehr, als der tiefsinnige und etwas mystisch veranlagte Mathematiker wirklich Ernst damit machte, den völlig disparaten Charakter von Zeit und Raum zu verwischen, ihre Selbständigkeit einander gegen- über aufzuheben und sie beide in der Union eines neuen,,Raum- Zeit"-Begriffes untergehen zu lassen. Das war nämlich durchaus nicht mehr jene Einheitslehre von Zeit und Raum, die ich in meiner genannten Schritt als ein logisches Postulat des mensch- lichen Verstandes zu erweisen suchte. Meiner Auffassung nach muß der selbständige und polar verschiedene Charakter von Zeit und Raum um so schärfer betont werden, je mehr wir uns gedrängt fühlen, sie beide zu einer einheitlichen Doppelordnung der Erscheinungswelt synthetisch zusammenzufassen. Denn nur die polare Verschiedenheit von Zeit und Raum nötigt unseren 3*