II. Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. Obwohl die moderne,,Relativitätstheorie" derzeit noch mit großen Unklarheiten behaftet ist, geht sie, meiner Auffassung nach, doch einer großen Zukunft entgegen, weil sie trotz des dicht- maschigen Netzes von logischen Widersprüchen, in das sie sich bisher verstrickt hat, mit einer seltenen wissenschaftlichen Hart- näckigkeit das höchste Ziel der physikalischen Forschung, das einheitliche Erfassen aller Klassen von physikalischen Erscheinungen, zu verwirklichen sucht. Sie will die Gegensätze zwischen der Physik der Materie und der Physik des Äthers (Me- chanik einerseits und Elektrodynamik anderseits) an ihrer tiefsten Wurzel fassen und zu einer möglichst gründlichen Versöhnung bringen. Die Energie und Tiefe dieses Einheitsdranges kommt vor- nehmlich darin zum Vorschein, daß sie zu einer überraschenden Reform unserer Raum- und Zeitbegriffe geführt hat. Es hat bisher noch niemals eine physikalische Theorie gegeben, welche die Umgestaltung unserer Begriffe von Zeit und Raum gefordert hätte: die Relativitätstheorie aber stellt das kategorische Postulat auf, uns von stark eingewurzelten, üblen Denkgewohnheiten in bezug auf Zeit und Raum zu befreien, falls uns ernstlich daran gelegen ist, die Lehren der Mechanik und Elektrodynamik, die Theorien der Bewegung und der Strahlung in wahre Einstimmig- keit zu setzen. Hierauf beruht die große physikalische und philo- sophische Bedeutung jener Revolutionierung der Zeit- und Raum- begriffe, die von Einstein (im Jahre 1905) und Minkowski (im Jahre 1908) ausgegangen ist. Auf wesentlich anderem Wege, von erkenntnistheoretischen und synthetisch-geometrischen Untersuchungen ausgehend, bin ich schon früher als die beiden genannten Forscher, nämlich im Jahre 1901, zu einer Umgestaltung der Zeit- und Raumbegriffe gelangt, die ich in meiner bei Engelmann (1901) erschienenen Schrift ,,Neue Theorie des Raumes und der Zeit" ausführlich darlegte. Obwohl ich mich sonst nicht gerne zitiere, sei es mir diesmal ge- stattet, die ersten Zeilen der soeben genannten Arbeit zu repro- duzieren:,,Ich erlaube mir im folgenden eine Einheitslehre von Raum und Zeit zu entwickeln, die sich von den herrschen- den Anschauungen über Raum und Zeit wesentlich unterscheidet,