22 Neue Theorie des Raumes und der Zeit. Wesen gar nicht zum Unterscheiden von verschiedenen Eindrücken zu bringen vermag, so werden wir ihm mit vollem Rechte ein Be- wußtsein absprechen dürfen. Trotzdem ist es zweckmäßig, diese Betrachtung so fortzuführen, als ob jenes Wesen ein Bewußtsein hätte. Wir halten zwar daran fest, daß ein Bewußtsein in bloß einer Dimension unmöglich ist, betrachten jedoch diesen Fall als einen Grenzfall unseres Bewußtseins von mehreren Dimensionen. Und indem wir auch diesen Grenzfall in der Rede als eine Art von elementarem Bewußtsein auffassen, wollen wir mit dieser Redewendung bloß der Phantasie einen Vorschub leisten. Dies zugegeben, werden wir also sagen können, daß jenes Wesen bloß die Zeitprojektionen einer Empfindung in eine punk- tuelle Erscheinung des Raumes zusammenfassen könne. Es hat bloß die Fähigkeit der Empfindung, und es vermag bloß eine Empfindung zu fassen, die ihm aus den Zeitprojektionen dieser Empfindung zusammenfließt. Kurz, wir erhalten den Satz, daß das Bewußtsein in einer Dimension ein bloß empfindendes Bewußt- sein ist. Dieser Satz hat nun allerdings keine Geltung für jenes hypothetische Wesen, er hat aber eine desto größere Bedeutung für uns, die wir über ein mehrdimensionales Bewußtsein verfügen. Wir werden nämlich sagen können, daß unser Bewußtsein, insofern wir es auf eine Dimension beschränkt denken, ein bloß empfindendes ist, und wir erhalten für die psychische Tätigkeit des Empfindens folgende Definition: Empfinden ist die Tätigkeit unseres Bewußt- seins, insofern wir diese Tätigkeit bloß auf eine Dimension be- schränkt denken, oder kürzer: Empfindung ist das Bewußt- sein in einer Dimension. Nun gewinnt auch der Satz, daß ein Bewußtsein in bloß einer Dimension unmöglich ist, den wir für jenes hypothetische Wesen feststellten, auch für unser mehrdimensionales Bewußt- sein eine bestimmte Bedeutung. Wir vermögen nämlich nicht unser Bewußtsein in exakter Weise auf eine Dimension zu restrin- gieren, d. h. es ist unmöglich, einen mathematischen Punkt oder richtiger eine mathematisch punktuelle, ausdehnungslose Erschei- nung sinnlich zu fassen. Trotzdem sprechen wir von mathema- tischen Punkten und mathematischen Linien als den Grenzen unserer sinnlichen Wahrnehmung, und ich muß hinzufügen, ob- gleich ich mich auf den erkenntnistheoretischen Beweis hier nicht. einlassen kann, daß jene Redeweise aus einer fundamentalen Denknotwendigkeit entspringt, und deshalb völlig berechtigt ist. Ist es also auch eine Unmöglichkeit, eine mathematisch punktuelle Empfindung in der sinnlichen Wahrnehmung zu isolieren, so wer- den wir doch berechtigt sein, von ihr als von der letzten Grenze unserer wirklichen Empfindungen zu sprechen. In diesem Sinne