16 Neue Theorie des Raumes und der Zeit. Nun sollte man es aber nicht außer acht lassen, daß der Begriff einer geraden Linie nicht ohne den Begriff der Zeit zustande kommen kann. Indem wir nämlich die Gerade ihrer Länge nach überblicken, stellen sich ihre einzelnen Teile als zeitliche Folge von Teilen in unserem Bewußtsein dar. Allerdings haben wir während dieses Überblickens die Überzeugung, daß die zeitlich nacheinander überblickten Teile gleichzeitig existieren; dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, daß die wirkliche Wahrnehmung einer geraden Strecke aus einer Zeitfolge von Wahrnehmungsakten besteht, und daß ein zeitloses Überblicken einer Strecke in der unmittelbaren, wirklichen Wahrnehmung völlig unmöglich ist. Wieso es möglich ist, daß der menschliche Verstand eine Mannigfaltigkeit von Ein- drücken, die ihm als Zeitfolge gegeben ist, hinterher als eine gleich- zeitige, d. h. räumliche Mannigfaltigkeit auffaßt, das ist ein Problem der allgemeinen Bewußtseinslehre, welches ich übergehen muß. Es handelt sich nämlich dabei um die Frage, wie wir dasjenige, was uns bloß in unserem Bewußtsein gegeben ist, zugleich als ein außerhalb unseres Bewußtseins Liegendes erkennen. Das Über- blicken einer räumlichen Strecke ist in unserem Bewußtsein bloß als eine Zeitfolge von Akten gegeben, und doch beziehen wir diese Zeitfolge von Akten auf eine räumliche, d. i. gleichzeitige Mannig- faltigkeit, die wir (mit Recht oder Unrecht, was hier nicht von Belang ist) als außerhalb unseres Bewußtseins liegend denken. Wir pflegen das in unserem Bewußtsein Gegebene als subjektiv zu bezeichnen und nennen dasjenige, was dem subjektiven Inhalt unseres Bewußtseins außerhalb unseres Bewußtseins entspricht, ein objektives. Man müßte also das Begriffspaar von Subjekt und Objekt einer Untersuchung unterwerfen, um die Frage ent- scheiden zu können, wie wir dazu kommen, die subjektive d. i. die zeitliche Mannigfaltigkeit, die uns in dem Anblick einer Strecke gegeben ist, in eine objektive, d. i. räumliche Mannigfaltigkeit, in die Strecke selbst, umzudeuten. Diese tiefste Frage des mensch- lichen Bewußtseins muß jedoch der allgemeinen Erkenntnistheorie vorbehalten bleiben. Uns genügt hier die Tatsache, daß wir bei dem wirklichen Wahrnehmen einer geraden Linie des Raumes stets eine zeitliche Mannigfaltigkeit in eine räumliche Mannigfaltigkeit umdeuten. Wenn wir also den Raumstrahl als den Repräsentanten einer Dimension des Raumes betrachten, so kann dies nur deshalb geschehen, weil wir dem Zeitstrom eine Dimension zuschreiben. Als der Typus der einen Dimension wird demnach die Dimension der Zeit gelten müssen, womit wir übrigens nichts anderes sagen wollen, als daß wir zur Wahrnehmung von Raumdimensionen nur durch die Veräußer- lichung oder Objektivierung der Zeitdimension gelangen. Der