8 Neue Theorie des Raumes und der Zeit. C. Über den fließenden Raum. 7. Verschiedenen Zeitpunkten entsprechen verschiedene Räume. Im Sinne der ersten Grundbeziehung fassen wir alle Raum- punkte in dem Jetztpunkte der Zeit (to) zusammen. Ich nenne nun den Weltraum, insofern er dem Jetztpunkte to entspricht, den Jetztraum und bezeichne ihn mit R。. Wenn also im Verlaufe der Zeit an die Stelle des Jetztpunktes to neue Jetztpunkte t₁, t₂, tɔ . . . usw. treten, so werde ich mit logischer Berechtigung sagen können, daß jedem derselben auch ein neuer Jetztraum, etwa R1, R2, R3... usw. entspricht. Auf solche Weise gelange ich zu dem Begriffe einer stetigen Reihe von Räumen, die ich in ihrer Gesamtheit als fließenden Raum bezeichne. Dieser neuen Auffassung steht unsere angewöhnte Ansicht von dem einen „,stehenden Raume" gegenüber, und man wird vielleicht von dem Begriff dieses stehenden Raumes ausgehend den Begriff des fließenden Raumes bekämpfen wollen. Ich weise jedoch auf die Grundbeziehung a) zwischen Zeitpunkt und Welt- raum hin, welche eben die Identität von Zeitpunkt und Weltraum ausspricht. Wird nun der Zeitpunkt ein anderer, so habe ich die logische Berechtigung, auch von einem anderen Weltraume zu sprechen. Es ist also nur eine logische Folge aus der klar er- kannten Grundbeziehung zwischen Raum und Zeit, daß wir zu der Bildung eines Begriffes von dem fließenden Raume fort- schreiten müssen. Keineswegs behaupte ich, daß wir diesen fließenden Raum anzuschauen vermögen. Was man nämlich unter Anschauung gemeinhin versteht, ist eben nichts anderes als eine unmittelbare Anschauung im Jetztpunkte der Zeit. Vergangenes oder Zukünf- tiges vermögen wir nicht unmittelbar (d. h. in aktueller Weise) an- zuschauen, und eben deshalb sind wir ja gezwungen, einen Unter- schied zwischen der Gegenwart einerseits und Vergangenheit (resp. Zukunft) andererseits zu machen. Wie es nun der Wirk- lichkeit zuwiderläuft, zu sagen, daß wir Vergangenheit und Zukunft ebenso unmittelbar anzuschauen vermögen wie die Gegen- wart, wäre es nicht minder widersinnig, zu behaupten, daß wir uns eine unmittelbare Anschauung von dem fließenden Raume bilden könnten. Man könnte ferner einwenden, daß die Einführung einer Reihe von Räumen, entsprechend der Folge von Zeitpunkten, leicht zu der Auffassung verleite, daß wir vergangenen und zu- künftigen sinnlichen Erscheinungen dieselbe Wirklichkeit, die- selbe Realität zuschreiben wie den sinnlichen Eindrücken des Jetztmomentes. Demgegenüber ist jedoch zu betonen, daß das