Einheit und Dualität des Raumes und der Zeit. 7 ziehungen, so daß wir nunmehr das Verhältnis der beiden näher in Augenschein nehmen müssen. In der Beziehung a) gehen wir vom Raumbegriffe aus und gelangen durch das Zusammenfassen aller Raumpunkte in eine Einheit zu dem Begriffe des Zeitpunktes. Der Raum ist das pri- mum, der Zeitpunkt das secundum unseres Denkens, was aber sprachlich umgekehrt zum Ausdruck gelangt, indem das secun- dum die Stelle des Subjekts, das primum die Stelle des Prädikates einnimmt. In der Beziehung B) gehen wir vom Zeitbegriffe aus und gelangen durch das Zusammenfassen aller Zeitpunkte in eine Ein- heit zu dem Begriffe des Raumpunktes. Hier ist, umgekehrt wie im obigen Falle, die Zeit das primum, und der Raumpunkt das secundum unseres Denkaktes. Der sprachliche Ausdruck aber vertauscht auch hier das primum und secundum unseres Denkens. Die Tatsache, daß wir die Einheit von Raum und Zeit durch zwei Grundbeziehungen auszudrücken vermögen, nenne ich die Dualität von Raum und Zeit. Diese Dualität ist die Quelle des Dualitätsgesetzes in der projektiven (syntheti- schen oder neueren) Geometrie. Das wechselseitige In- einanderspielen des Raum- und des Zeitbegriffes ist der nächste Grund davon, daß wir z. B. parallele Lehrsätze für Punktreihen und Strahlbüschel in der ebenen Geometrie erhalten. Den tiefsten Grund dieser wunderbaren Tatsache kann nur eine allgemeine Theorie der Begriffspaare enthüllen, und ich gedenke eine solche Theorie in meiner,,Grundlegung der Philosophie“ zu liefern. In dem Zusammenhange der gegenwärtigen Spezialunter- suchung erwächst für uns zunächst die Frage, ob in den allgemein gangbaren populären sowie wissenschaftlichen Anschauungen über Raum und Zeit beide Grundbeziehungen a) und B) des Raum- und Zeitbegriffes in gleicher Weise zur Geltung gelangen, oder ob etwa die eine Grundbeziehung die andere in den Schatten stellt, und was gleichfalls nicht ausgeschlossen ist, ob beide Grund- beziehungen sich wechselseitig beengen und verwirren, so daß unser zeit-räumliches Bewußtsein entweder einseitig entwickelt wäre oder gar an innerlicher Verworrenheit leiden würde? Der Geometer zumindest wird diese Frage für vollauf be- rechtigt halten, denn er erinnert sich an jene einseitige Raum- anschauung, wo die Gerade zwar als Punktreihe, jedoch der Punkt noch nicht als Strahlenbüschel aufgefaßt wurde. Bekanntlich hat erst Poncelet unsere geometrische Anschauung von der gewohn- heitsmäßigen Einseitigkeit befreit und hierdurch die geometrische Forschung in neue Bahnen gelenkt. Es fragt sich also, ob wir uns in bezug auf unser raum-zeitliches Bewußtsein nicht von einer ähnlichen Einseitigkeit zu befreien haben?