Art. 124-126. 297 eines Polygons uneigentliche Eckpunkte und Kongruenzen zwischen z. T. uneigentlichen Dreiecken auftreten können. Diese Schwierigkeit ist entweder nach 39 ff. zu beseitigen oder durch diejenige Wendung des Gedankens zu vermeiden, durch welche im folgenden die Begründung der Lehre vom Rauminhalt gelingt. Rauminhalt. 125. Die Hilbertsche Definition der Inhaltsgleichheit von Poly- gonen läßt sich nicht in analoger Weise auf den Inhalt von Polyedern ausdehnen, da Dehn*) und Kagan **) gezeigt haben, daß raumgleiche Polyeder existieren, die nicht aus denselben Teilpolyedern additiv und subtraktiv zusammensetzbar sind. Hilbert ist der Ansicht, damit sei „die Unmöglichkeit dargetan, die Lehre von den räumlichen Inhalten so zu begründen, wie dies im vorstehenden für die ebenen Inhalte schehen ist. Hiernach wären zur Behandlung der analogen Fragen für den Raum andere Hilfsmittel, etwa das Cavalierische Prinzip heranzuziehen“ ***) ge- Daß dies nicht notwendig ist, soll im folgenden gezeigt werden. 126. Es genügt, die folgenden Definitionen zugrunde zu legen: Definition: 1) Ein Polyeder P heißt „kleiner" als ein Polyeder (P P), wenn P und Q resp. aus den- selben Teilpolyedern wie P' und Q' zusammengesetzt sind und P' ganz innerhalb Q' liegt. 2) Zwei Polyeder P, Q heißen „gleich“ (P = Q, Q = P), wenn weder P< Q noch P>Q ist. †) Gegen die Zulässigkeit dieser Definitionen kann nicht eingewendet werden, daß man danach im allgemeinen die Gleichheit zweier Polyeder nicht durch eine endliche Anzahl von Operationen feststellen kann; vielmehr würden sie nur dann unzulässig sein, wenn gleichzeitig P>Q und PQ sein könnte. Dies ist durch Einführung eines Inhalts- maßes I(P) für jedes Polyeder P zu widerlegen, welches stets positiv Gött. Nachr. 1900, Math. Ann. 55 (1902) p. 465. **) Math. Ann. 57 (1903) p. 421. ***) Grundlagen d. Geom., 2. Aufl. (1903) p. 47. †) Die Definition der Polyedergleichheit kann auch so formuliert werden: Zwei Polyeder heißen gleich, wenn sie in bezug auf je zwei endlich-gleiche Polyeder in derselben Beziehung des größer oder kleiner stehen. Diese Definition ist dann analog derjenigen der Gleichheit zweier Irrationalzahlen: zwei Irrational- zahlen heißen gleich, wenn sie zu jeder Rationalzahl in derselben Beziehung des größer oder kleiner stehen. Demnach könnte man endlich-gleiche Polyeder als,,rational-gleich", gleiche, nicht-endlich-gleiche Polyeder als ,,irrational- gleich" bezeichnen.